Monthly Archives: November 2014

Bolivianische Ansichtsweisen

 

Mittlerweile habe ich ein wenig Einblicke in die Mentalität der Bolivianer erhalten. Wenn etwas nicht ganz so klappt, wie man es sich vorstellt, dann wird nicht groß darüber gemeckert, sondern wird hingenommen und das Beste daraus gemacht. Sollten wir in Deutschland auch mal probieren… Beispielsweise holten wir Kira Anfang Oktober vom Flughafen ab. Zum Glück hat sie uns vorher gesagt, dass ihr Flug ca. 20 min Verspätung hat. Wir sind dann ein bisschen über ne Stunde zu spät zum Flughafen gekommen, und mussten sogar noch ne halbe Stunde warten… Aber keiner hat genörgelt oder war genervt! Unser eigener Flug war selbst 20min zu spät und wurde als “pünktlich” eingestuft. Vielleicht lag es auch an uns… denn wir hatten Sitzplätze in der 23.Reihe. Das Flugzeug hatte zwar nur 21, aber egal! Es gab ja zum Glück noch genügend Platz und so konnten wir damals schon erstmals unsere Spanischkünste dem netten Steward unter Beweis stellen.

Generell fängt hier eigentlich nichts wirklich pünktlich an. Gottesdienst am Sonntag ist um 9:00Uhr, sprich da geht man dann normalerweise los, wenn man vor Beginn da sein will. Wenn nicht ist es auch nicht so schlimm, wenn man später kommt. In der Kirche ist ja jeder gerne willkommen, sogar die Hunde von der Straße kommen eigentlich immer mit hinein, denn dort ist es einfach viel kühler. Als wir einmal pünktlich um 8:10Uhr an einem Samstag (ja, für alle Zweifler, auch wenn wir am Wochenende frei haben, heißt es nicht immer, dass wir stundenlang im Bett liegen und ausschlafen… auch wenn das der Padre manchmal denkt. Er hat schon gemeint, dass Schlaf zur deutschen Kultur dazu gehört! 😀 ) zu einem Treffen im Pfarreizentrum gegen sexuelle Gewalt und Prävention gegangen sind, mussten wir noch 10 min warten bis wir anfangen konnten, weil es einfach noch zu wenig gewesen waren… Diese Reunion war für alle Projektleiter gedacht und die neu dazugelernten Infos können sie in Zukunft davor bewahren, in unangenehme Situationen zu geraten oder am besten gleich solche zu umgehen, weil sie jetzt genau wissen, was sie dürfen und wo schon die ersten Grenzen überschritten werden. Vor allem war dies als Selbstschutz gedacht. Wir mussten auch solch eine Prävention vorweisen, denn dies ist ja mittlerweile Voraussetzung in Deutschland, wenn man mit Kindern arbeitet!

Wenn man hier zum Essen eingeladen wird, dann heißt das nicht wirklich, dass dann das Essen auf dem Tisch steht. Im Gegenteil. Es ist ganz normal, dass du noch ein wenig mithilfst. Kartoffeln schälen, Tisch decken oder andere Kleinigkeiten fürs Essen vorbereiten. Auch sind die Bolivianer manchmal etwas spontan. Wir wollten einmal abends mit anderen Freiwilligen ins Kino. Unser Film, der groß im Internet ausgeschrieben war, wurde kurzfristig aus dem Programm genommen. Keiner wusste wirklich Bescheid, es hieß nur: Gibts heut net mehr! Planänderungen, die vorher nicht mehr wirklich angekündigt werden, gibt es allerdings auch noch öfters, aber später dazu mehr… sofern ihr euch den Bericht über Independencia und unsere Erlebnisse dort durchlesen wollt 😉

Todo Santos in Independencia

 

Letztes Wochenende wurde Allerheiligen gefeiert. Hier bekannt als “Todo Santos”. Per Bus ging es nach Independencia. Das ist ein kleines Dorf in den Bergen, sieben Stunden von Cochabamba entfernt, wo zwei weitere Freiwillige (Pauline & Kira) wohnen und arbeiten. Alle haben uns gesagt, dass auf dem Land die Tradition viel mehr ausgelebt wird und dass das Fest viel schöner sein soll als hier in der Stadt. Also beschlossen wir, dass wir übers verlängerte Wochenende (Feiertag am Sonntag heißt ja bekanntlich am Montag auch noch frei 😉 ) zu den Mädels rausfahren. Alleine die Busfahrt war abenteuerlich. Schwankend und v.a. hupend ging es die längste Zeit über unbefestigte Straßen mitten durchs Nichts. Weit und breit waren nur Berge zu sehen. Ab und zu erhaschte man einen Blick auf ein, zwei Häuser, die wirklich mitten in der Pampa standen. Pause machte der Bus im gefühlt einzigen Dorf auf der Fahrt bevor es wieder durch die Landschaft ging. Es ist doch ein sehr großer Unterschied zu uns in der Stadt – viel ruhiger, viel entspannender und viel mehr Quetschua – also eigentlich wurde kaum Spanisch gesprochen…

Aber was passiert eigentlich hier an Todo Santos?

Samstagabend (1.11.) laufen hier Kinder von Haus zu Haus und beten für die Verstorbenen der Familien. Dafür erhalten sie selbstgemachtes Brot oder Früchte. Abends sind wir mit auf den Friedhof. Dort war ein kurzer Gottesdienst und danach konnte man zu verschiedenen Gräbern gehen und dort beten. An fast jeden Grab saßen Verwandte, die die Gräber mit Kerzen und Blumen geschmückt hatten. Zusammen mit drei Bolivianerinnen, die uns ein wenig halfen, uns zurecht zu finden, gingen wir zu ein paar Gräbern und beteten immer 3 Vater Unser und 3 Ave Marias. Danach bekamen wir immer ein wenig Brot – wie es dem Brauch entspricht. Ab und zu gab es auch Bier, Schnaps oder Chicha zu trinken. Man darf eigentlich hier nichts ablehnen, wenn man eingeladen wird, weil dies sehr unhöflich ist, aber man darf der Pachamama einen großen Schluck gönnen, d.h. man schüttet einen Teil der Chicha für die Mutter Erde auf dieselbiege. Trotzdem sahen wir ein paar Betrunkene auf dem Friedhof herum torkeln – auch nicht unbedingt das, was man in Deutschland von Allerheiligen gewohnt ist…

Doch am nächsten Tag ging es eigentlich erst richtig los: sehr viele Verwandte waren gekommen und hatten die Gräber geschmückt. Es gab immer einen Tisch mit dem Essen oder Früchten, die der Verstorbene besonders gern hatte. Nachdem wir jedes Mal für die Toten gebetet hatten, bekamen wir wieder etwas Brot. Wir beteten auf Deutsch, was für die meisten viel interessanter war, als auf Spanisch. Wir wurden sogar dabei dreimal gefilmt 😀 Am Ende hatten wir die Taschen voller hartem Brot und ein paar Früchten. Das war allerdings das einzige was voll war! Die Chicha war dann doch nicht ganz so meins.

Leider hat es an den zwei Tagen geregnet, deswegen war der Friedhof voller Schlamm und extrem rutschig. Am Montag stand dann der letzte Kultur-Programmpunkt des Festes an. Hier ist es üblich, dass man an den Tagen danach an großen Bäumen mit Seilen schaukelt, wobei man dabei von zwei Jungs angestumpt wird. Normalerweise muss man dabei einen Wechselgesang anstimmen, in dem man Gebete zu Gott und den Verstorbenen spricht, da man durchs Schaukeln näher am Himmel ist, und gleichzeitig dabei mit dem Fuß einen Korb angeln, aber bei uns war das nicht der Fall. Wahrscheinlich waren wir zu früh dort. Die Schaukel war allerdings ziemlich weit weg, da wir auf dem Weg keine andere finden konnten. Deshalb beschlossen wir zu sechst auf die Ladefläche eines Lasters zu klettern und so Zeit zu sparen. Die Fahrt endete leider nach ca. 15min, weil irgendetwas mit einem lautem Knall gefolgt von einem lautem Zischen und einer kleinen Rauchwolke platzte. Der Reifen war es gottseidank nicht! Aber das letzte Stück sind wir dann doch lieber gelaufen, auch wenn der Laster ne halbe Stunde später weiter gefahren ist – da wollte wir dann doch nicht mehr mitfahren…

Zurück gingen wir zu viert, da die zwei Bolivianerinnen noch ein wenig länger bleiben wollten. Nach einer halben Stunde Fußmarsch auf der Straße beschlossen wir querfeldein abzukürzen, in der Hoffnung wir wären dadurch “schneller” 🙂 Was für ein Trugschluss! Aber wir hatten unseren Spaß!! Etwas Abenteuer kann ja nicht schaden… Wir hatten nämlich leider nicht bedacht bzw. gesehen, dass wir bei der Abkürzung durch drei Flüsschen mussten, plötzlich Steilhänge vor uns hatten und durch Gestrüpp mussten. Aber wer will schon die ganz normale Straße nehmen – das wäre doch viel zu langweilig gewesen! 🙂 Nach 2,5h Wandern kamen wir wieder zwar erschöpft von Sonne und Höhe, aber wohlbehalten im Centrum an. Zu unserem Bedauern kamen wir bei unserem Rückweg an zwei Schaukeln vorbei, die im Nachbarort (allerhöchstens 30min zu Fuß…) waren. Aber mit uns ist einfach immer ein wenig Aufregung mitgebucht!

Für den Rückweg hatten wir Tickets für den Bus um zwei Uhr nachts reserviert gehabt. Pünktlich machten wir uns also auf den Weg. Als wir einsteigen wollten, waren unsere zwei Plätze leider schon belegt… Es stellte sich heraus, dass wir im falschem Bus waren. Naja, halb so schlimm, suchen wir halt unseren Bus. Gab nur leider keinen anderen mehr! Nach kurzer Nachfrage bei dem Busunternehmen, wo wir fälschlicherweise standen, erklärten sie uns, dass unser Bus am Abend tags zuvor gefahren ist… wurde scheinbar kurzfristig verlegt! Glücklicherweise fuhren noch andere Busse nach Cochabamba. Doch die um 2:00Uhr, 2:30Uhr und um 3:00Uhr waren leider alle schon voll. Dummerweise erfuhren wir das immer erst eine halbe Stunde vor deren Abfahrt, als das jeweilige Büro aufgemacht hatte. Nachdem wir zwei Stunden in Independencia auf der Hauptstraße gewartet hatten, hatten wir doch noch Glück, da der Bus um halb vier noch einzelne Plätze frei hatte. Kurz vor vier rollten wir dann durch den Nebel los in Richtung Cochabamba. Bolivien bietet doch immer wieder Überraschungen und verlangt spontane Entscheidungen!! 🙂

 

Das etwas andere Verständnis von Luxus

Nicht um euch abzuschrecken, sondern um euch bewusst zu machen, in welchem Luxus wir in Industrieländern wie Deutschland leben, hier einmal ein paar Luxusgüter, die für uns selbstverständlich wirken: Wasser!! Grundlage für Leben! “Wenn mans doch abkocht, dann passt doch alles..”, könntet ihr sagen. Aber es ist hier leider so, dass nicht jedes Haus an Leitungen angeschlossen ist. Auch Piñami Chico hat teilweise nur abends Wasser. Deswegen mussten wir jetzt in letzter Zeit oft in benachbarte Gärten von Familien des Projektes gehen und uns in Eimern und Fässern Wasser fürs Kochen, Spülen, usw. holen. Selbst im Pfarreizentrum gab es in den letzten Wochen schon öfters kein Wasser mehr. Mittlerweile ist der erste Handgriff frühs bei der Arbeit das Aufdrehen des Wasserhahns! Meist folgt dann der ernüchternde Spruch: No hay aqua. Das sollte sich jetzt ändern, denn wir wollen den einen Wasserhahn mit einem 650Liter Tank verbinden. Aber es kann noch viel schlimmer kommen. Es gibt Dörfer, die überhaupt keinen Wasseranschluss haben, da kein Fluss in der Nähe fließt. Die Bewohner müssen ihr gesamtes Wasser immer aus dem “benachbartem” Dörfchen holen. Andere benutzen und leben von ihrem Flusswasser. Ein weiteres Luxusgut ist die Waschmaschine. Im Fluss waschen wird genauso praktiziert wie das häufige Handwaschen. Waschmaschinen haben die wenigsten. Wir können den Luxus genießen, da der Padre glücklicherweise eine hat. Allerdings natürlich nur mit kaltem Wasser 😉 Aber das erspart uns das ewige Waschen per Hand, wie es auch viele andere Freiwillige machen müssen.
Dass Süßigkeiten hier auch Reichtum bedeutet, zeigen allein schon die Preise für Schokoladen(15Bs) oder Gummibärchen(22Bs). Im Vergleich dazu bekommt man für 8 Bs ein Kilo Kartoffeln. Daheim würde ich nicht so viel darüber nachdenken, wenn ich mir mal was Süßes gönne, aber hier überlegt man sich es doch dreimal, ob man wirklich die Packung mitnimmt oder doch lieber nicht…